Es ist doch nur ein Twingo | ZEIT ONLINE

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Die Frage der Legitimität von Gewalt ist immer ein Kalkül: Je schlimmer
die Zustände sind, desto heftiger dürfen die Gegenmittel ausfallen. Bei Stauffenbergs Anschlag
auf Hitler sagen wir auch nicht: “Gewalt gegen Personen? Das geht gar nicht!”

Darf man einen Rewe-Supermarkt plündern und kurz und klein schlagen? Wägen wir ab:
just for fun
sicher nicht. Ist man hingegen der Ansicht, der westliche Konsumkapitalismus sei Teil eines globalen, kolonialen Ausbeutungssystems, welches sich auf Kosten der Dritten Welt bereichert, weltweit Kriege führt, um die eigenen Einflusssphären zu sichern, und die einheimischen Massen der einfachen Menschen in die Verelendung, vulgo: Hartz IV, treibt, während einige gewissenlose Banker ihre Millionen auf den Kaimaninseln parken – wenn man das also so sieht und der Meinung ist, dass das Doppelgespann aus Demokratie und freiem Markt unterm Strich mehr Unglück, Armut und Ungerechtigkeit hervorbringt als Wohlstand, Freiheit und Fortschritt, dann, ja dann wird man vermutlich zwar immer noch nicht ernsthaft behaupten wollen, dass der brennende Rewe-Supermarkt in Hamburg das Hungerproblem im Sudan unmittelbar löst, aber man wird doch mit einer gewissen Zufriedenheit feststellen, dass so ein kokelnder Konsumtempel zumindest schon einmal ein Anfang ist, die Unterdrückungsmaschine Kapitalismus ins Stottern zu bringen. Oder, wie der Revolutionstheoretiker sagt: ein Vorschein künftigen Umsturzes, die erste Morgenröte einer neuen Welt.

Halten wir unparteiisch fest: Gewalt kann legitimiert werden, es ist nur eine Frage der Verhältnismäßigkeit. “Natürlich kann geschossen werden”, sagte Ulrike Meinhof einst, denn sie war überzeugt, dass die BRD ein Schweinesystem war. Wenn die Zustände unerträglich sind, dann sind auch ungewöhnliche Gegenmaßnahmen angemessen. Genau so haben die Organisatoren in Hamburg ihre Demonstration gegen den G20-Gipfel verstanden und sie deshalb “Welcome to Hell” genannt: Die Höllenflammen, die sie in Hamburg entfachen wollten, verstehen sie als Widerschein, geradezu als erkenntnisstiftenden Spiegel der wahren Hölle, die der Kapitalismus ist. In den Zeiten des RAF-Terrors nannte man das: Man müsse die latenten Gewaltverhältnisse zur Kenntlichkeit entstellen.

Alle politischen Ereignisse sind auch immer moralisches Affektmanagement. Man muss es hinkriegen, dass das, was passiert, nur das bestätigt, was man immer schon gesagt hat. Da hat seit dem vergangenen Wochenende die Linke, die sich daran gewöhnt hatte, dass rechte Gewalt gesamtgesellschaftlich verurteilt wird, während linker Gewalt zumindest ein emphatisches Leiden an der Ungerechtigkeit der Welt zugestanden wird, ein Problem.

Richtig gut fühlt sich Gewalt nur mit Überbau an

Die Linke, die der Überzeugung ist, dass der Kapitalismus zwar schon irgendwie die Hölle ist, Gewalt aber kein Mittel der politischen Veränderung sein dürfe, musste nach der Nacht von Freitag auf Samstag ihre Kommunikationsstrategie hektisch umstellen: Bis dahin ging es in gewohnter Weise vor allem darum, nachzuweisen, dass die friedlichen Demonstranten durch eine Eskalationstaktik der Polizei provoziert worden seien. Diese Lagebeschreibung war nach der Nacht am Hamburger Schulterblatt nicht mehr plausibel zu machen, weshalb die neue Marschrichtung nun lautet: Die Gewalt, die Hamburg am G20-Wochenende erlebt hat, habe nicht nur nichts mit linker Politik zu tun, sondern sei überhaupt völlig leer und sinnlos, die reine Selbstgenuss-Randale von eingeflogenen Gewalttouristen; in Wahrheit handle es sich um Kleinkriminelle ohne jede politische Selbstreflexion. Man kann den Wunsch verstehen, mit der Gewalt möglichst wenig zu tun haben zu wollen, aber – so leicht wird man sie nicht los.

Natürlich gibt es den Thrill und den Rausch der Gewalt, aber auch der kommt ohne Überbau nicht aus. So richtig gut fühlt sich der Entfesselte erst, wenn er damit eine Mission erfüllt. Ohne das Gefühl moralischer Überlegenheit ist der Rausch der Gewalt nur das halbe Vergnügen. Nur der Sadist befriedigt sich an der reinen Grausamkeit und bedarf keines Ideenhimmels. Alle Hordengewalt hingegen lebt von der Differenz: wir und die anderen. Diese Differenz muss asymmetrisch gebaut sein. Man selber muss auf der Seite der Guten stehen. Dafür braucht es einen Feind – und der lässt sich nicht anders als ideologisch konstruieren.

Emily Laquer ist die Sprecherin der Interventionistischen Linken, die den Protest gegen G20 seit Monaten vorbereitet hat. Sie ist eine kluge, ruhige 30-Jährige, die Politikwissenschaften in Lüneburg studiert. Auf YouTube kann man sich Interviews mit ihr anschauen, in denen sie Radikalität und unbekümmerte Unschuldsmiene eindrucksvoll verbindet. Als Sprecherin der Interventionistischen Linken wird sie häufig nach ihrem Verhältnis zur Gewalt gefragt, die Öffentlichkeit würde offenbar gern Distanzierungen von ihr hören. Das ist sie leid. Sie möchte sich von der Gewalt nicht distanzieren. Kurz vor Beginn des Gipfels, am 5. Juli, schrieb sie deshalb in der
taz:
“Die Gewaltfrage ist falsch gestellt.” Und warum? Weil die eigentliche Gewalt nicht bei den Protestierenden liege, sondern bei der Polizei, dem Militär, den Wirtschaftsführern und Staatenlenkern – bei der “Militarisierung Hamburgs, den Marinehubschraubern am Himmel, dem Kriegsschiff im Hafen, den Scharfschützen auf den Dächern, den Wasserwerfern und Räumpanzern”. Sich angesichts der staatlich verfassten Gewalt seinerseits von Gewalt zu distanzieren sei, so Emily Laquer, naiv, unrealistisch, feige Bequemlichkeit: “Nein, ich distanziere mich nicht. Ich weigere mich, harmlos zu sein.”



Source : http://www.zeit.de/2017/29/g20-krawalle-linke-kapitalismuskritik-gewalt-legitimitaet

Auteur : ZEIT ONLINE: Kultur – Ijoma Mangold

Date de parution : 16 July 2017 | 5:19 pm